Von Hosen mit viel Funktion und wenig Design

by MTBTier on 15.03.2010 · 11 comments

in Bekleidung

Der Frühling wird vielleicht doch irgendwann kommen. Damit beginnt dann wieder die Zeit der Schlammschlachten. Kärcherplatzbesitzer freuen sich über stabil hohe Einnahmen durch verkrustete Mountainbiker mit ihren frisch beschmuddelten Bikes. Waschmaschinen laufen täglich ohne Weichspüler im 30°-Programm und unsereiner flucht über die eigene Rasierfaulheit, während er unter der Dusche den Schlamm schmerzhaft aus der Beinbehaarung bröckelt.
“Das muss nicht sein!”, dachte ich mir und ging auf Online-Shopping-Tour. Mein Ziel war wie immer die eierlegende Wollmilchsau – diesmal im Bereich der MTB-/Fahrrad-/Outdoor-Hosen. Meine Vorstellungen sahen so aus:

  • langbeinig, im Optimalfall abzippbare Beine
  • winddicht und zumindest wasserabweisend (also eine Softshell)
  • atmungsaktiv oder wenigstens mit Belüftungsöffnungen
  • vorgeformte Knie
  • Verstärkungen im Gesäß- und Kettenblattbereich
  • weitenregulierbare Beinabschlüsse
  • Gewicht möglichst unter 600 g
  • lässiger Schnitt (keine enganliegende Hose) und
  • ein jugendliches, auffälligeres Design

Insgesamt waren das keine besonders ausgefallenen Anforderungen. Da müsste sich doch was finden lassen. Und tatsächlich wurde mir bei unzähligen Online-Shops eine große Auswahl geboten, die ziemlich jedes Funktionskriterium erfüllen konnte.

Versuch Nr. 1
Die erste Hose, die mir richtig gut gefiel, war mehr ein Outdoor-Bekleidungsgeheimtipp. Sie hatte zwar keine abzippbaren Beine, dafür war sie aber wasser- und winddicht und hatte robust wirkende Verstärkungen in den gewünschten Zonen. Der Preis lag unter der magischen 100,- EUR Grenze. Sehr verlockend.
Das Design war zwar nichts außergewöhnliches, sah aber gut aus. In der Artikelbeschreibung stand anthrazit. Die schwarzen Verstärkungen brachten ein wenig Struktur ins Design. Soweit passte das schon. Nach einem Blick in die Maßtabelle, konnte ich getrost zu Größe 46 greifen… wie immer.
Diese Softshell-Hose wurde angenehm schnell geliefert. In Vorfreude auf die ersten Testfahrten im Schlamm packte ich das gute Stück aus.
Entsetzen Nr. 1: Was im Online-Shop wie anthrazit aussah und auch so benannt wurde, war in der Realität ein helles Steingrau à la Blouson-Jacke für den selbstbewussten Mitsiebziger.
Entsetzen Nr. 2: Ich weiß, dass ich mit meiner Körpergröße in die Kategorie großer Zwerg falle. Aber dass ich eine Hose in Größe 46 bis zur Brust hochziehen kann und dann mit den Füßen trotzdem noch auf die Hosenbeine trete, war dann doch etwas grotesk. Auch wenn die Firma in Skandinavien ansässig ist, bezweifle ich, dass ein 1,90-m-Schwede standardmäßig zu Größe S greift/greifen möchte.
Selbst wenn diese Hose gepasst hätte, wollte ich mich nicht mit dieser Farbe draußen blicken lassen.

Die Funktion ist top, aber beim Design versagen fast alle langbeinigen Softshell-Hosen.

Der zweite Versuch
Ein auf Fahrradbekleidung spezialisierter Shop war die nächste Anlaufstelle. Wieder war es eine Marke aus Skandinavien, die unbekannt genug war, um von mir ins Herz geschlossen zu werden. Die Funktionen waren nahezu perfekt. Zipp-Off-Beine, wasserabweisend, winddicht, elastisch. Die Maßtabelle ordnete mich einer Größe S zu. Na wenn das mal klappt.
Das Design? Naja, nennen wir es langweilig. Keine großen Schriftzüge, keine Kontrastnähte, keine Dekors. Auf dem Foto sah die Hose etwas hell aus, aber die Farbbezeichnung “ebony” ließ mich hoffen. Der Preis war mit ca. 120,- EUR gerade noch vertretbar. Also ab in den Warenkorb.
Am Folgetag klingelte mein Handy mit einer unbekannten Nummer. Eine sympathische Frauenstimme verkündete mir, dass die letzte Hose in Größe S leider am Wochenende im Laden verkauft wurde. Man hatte wohl versäumt, diesen Verkauf in der Online-Datenbank einzutragen. Na gut, sowas passiert. Immerhin war es ein toller Service des Händlers, mir umgehend telefonisch Bescheid zu geben.
Zum Glück hatte ich das gleiche Modell auch in einem anderen Outdoor-Shop gesehen. Also wurde es umgehend dort bestellt. 2 Tage später kam das erwartete Päckchen. Es war winzig und angenehm leicht. Beim Auspacken fiel mir die Kinnlade bis zu den Knöcheln. “Ebony” bedeutet doch soviel wie schwarz vllt. auch ein wenig schwarz-braun?! Nun ja. Die Hose war grau. Zwar ein wenig dunkler als die Vorgängerin aber immer noch in einem Grauton für die 60-Plus-Fraktion.
Schade, denn ansonsten passte sie sehr gut und trug sich angenehm. Als Trail-Running-Hose (Herstellerangabe) konnte ich sie mir sehr gut vorstellen. Mit einer gepolsterten Unterhose wäre sie fürs Mountainbiking auch sehr gut geeignet gewesen. Die fehlenden Verstärkungen versprachen allerdings keine lange Haltbarkeit. All das hätte ich notfalls in Kauf genommen. Wär da nicht diese grauenhafte Farbe gewesen. Mit langen Beinen ging die Optik noch halbwegs in Ordnung. Nach dem Abzippen sah man damit aber aus wie Angus Young (ACDC). Also Hose wieder einpacken und retour schicken.
Aus Angst vor dem Herausbilden einer neuen Obsession, wollte ich nun erstmal nichts mehr bestellen, das als Farbbezeichnung irgendeinen Grauton enthielt.

Alle guten Dinge sind drei
Nun wollte ich es endgültig wissen. Ich schaute bei einschlägigen Herstellern für Motocross- und Downhillhosen. Die Designansprüche wurden sofort erfüllt. Von Funktion jedoch keine Spur. Zwar waren alle Modelle hochgradig hitzebeständig und reißfest, aber Atmungsaktivität und Wasserresistenz spielen in dieser Klasse wohl keine Rolle. Dafür glänzten alle Hosen mit einem hohen Gewicht und einem proportional dazu steigenden Preis. Nein danke.
Dann brachte mich ein Fahrradhersteller auf seiner Webseite auf die rettende Idee: Wozu braucht man eine langbeinige Regenhose? Wichtig ist, dass Oberschenkel, Intim- und Beckenbereich trocken bleiben. Waden und Schienbeine sind weniger kälteempfindlich. Die Knie kann man mit Knielingen nach Bedarf schützen.
Also begann ich die Suche nach wasserfesten kurzen Bike-Shorts. Und siehe da, bei dieser Produktkategorie durften scheinbar die Designer auch wieder ein Wörtchen mitreden.
Karos, grelle Farbtöne, schicke Dekors und Markenschriftzüge über die gesamte Gesäßbreite! Mit nichts wurde gegeizt. Wo die langen Hosen an übertriebenem Understatement scheiterten, zeigten sich die MTB-Shorts schon wieder fast zu selbstbewusst.
Nun ja. Ich habe mir nun eine kurze Regenshort bestellt. Wenn sie da ist, wird sie natürlich für Euch getestet.

Ich habe im Artikel bewusst auf Produkt- und Markennamen verzichtet. Nicht aus Angst vor verärgerten Firmen. Vielmehr ist das Problem der langweilig designten langbeinigen Softshell-Hose ein absolut markenübergreifendes Thema. Liebe Hersteller lasst Euch doch dazu mal etwas mehr einfallen! Vielleicht steigert Ihr damit auch die Nachfrage nach solchen langbeinigen Lösungen. Altherrengrau hilft beim Verkauf mit Sicherheit nicht viel.

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1 Hans März 15, 2010 um 10:21

Ich hab die Vaude Wintry und bin damit extrem zufrieden. Für die Übergangszeiten Frühling/Herbst könnte die aber evtl. schon wieder zu warm sein…

2 Hans März 15, 2010 um 10:28

Um es zu präzisieren: Die Hose ist super wind- und wasserdicht. Absolut keine Probleme in unseren Breitengraden. Ausserdem erscheint sie mir ausreichend atmungsaktiv. Selbst nach längeren Touren herrscht ein super Klima in der Buxe :) Kein Schweiß, die Beien sind angenehm temperiert. Und richtig schwarz ist sie obendrein auch noch. Ab so ca. 15 Grad dürfte sie dann ein bisschen zu warm werden. Aber dann kann man ja (zum Glück) auch schon wieder kurze Hosen tragen.

3 Lutz Balschuweit März 15, 2010 um 11:26

Ich sehe vermehrt Leute mit den Regenshorts über ner langen Radhose fahren.

Macht doch auch Sinn…

4 Ralph März 15, 2010 um 12:32

Genauso wie Lutz es schreibt so mach ich es!! Lange Radhose und kurze Regenhose darüber. Wird es besser, muss man nicht mit so einer dicken oder schlecht atmenden Hose umherradeln!!

5 bbbaschtl März 15, 2010 um 13:39

Ein Foto in der bis zur Brust hochgezogenen Hose in Größe 46 hättest Du uns schon gönnen können. ;-)
Wenn es feucht werden könnte, nehme ich meistens eine lange Gore Paclite Regenhose mit. Ansonsten bin ich ein Freund schwarzer Craft-Beinlinge. :-)

6 MTBTier März 15, 2010 um 16:12

@Hans: Versteh mich bitte nicht falsch. Alle bestellten Hosen waren in Sachen Funktion herausragend. Was ich mit diesem Artikel zum Ausdruck bringen möchte, ist das fast durchweg langweilige Design der langbeinigen Softshell-Hosen. Glatte Schwarz- und Grautöne dominieren einfach extrem. Wenn man wie ich gern auf die etwas bunteren Designs von Motocross-Hosen abfährt, ist man dann schnell enttäuscht. Die Vaude Wintry habe ich mir übrigens auch schon genauer angeschaut. In Sachen Funktion ist Vaude einfach top, aber auch hier stehen nur folgende Designs zur Auswahl: glattes Schwarz ohne Poser-Schriftzüge oder -Dekors. ;-)

@Lutz und Ralph: Mit einer kurzen Regenshort ist man von Frühjahr bis Herbst mit Sicherheit flexibler gekleidet.

@bbbaschtl: Mist… so’n Foto wär sicherlich gut angekommen. In dem Moment habe ich echt nicht dran gedacht und jetzt ist es schon zu spät. :-(

7 Hans März 15, 2010 um 17:34

Ja gut, besonders aufregend schaut sie auch nicht aus, die Vaude :) Schreib das doch vielleicht mal einem der Hersteller. Evtl. nehmen die ja irgendwann deine Anregung auf.

8 Maddin März 15, 2010 um 18:13

Vom Design her gebe ich Dir völlig recht. Da sieht alles ziemlich langweilig aus. Und die schicken Crosshosen hatte ich vor längerer Zeit selbst mal ausprobiert. Sehen einfach cool aus, aber taugen nur zum Bergabfahren. Für Touren oder auch nur Regenfahrten sind die Dinger völlig ungeeignet.
Mittlerweile habe ich mich von weiten Hosen verabschiedet. Beim Fahren ist mir mittlerweile die Funktion wichtiger und da ist bei längeren Fahrten die Lycra ungeschlagen, auch wenns immer an Robin Hood erinnert. ;-)

9 MTBTier März 15, 2010 um 20:11

@Maddin: Bin eigentlich auch bekennender Held in Strumpfhosen. Zumindest, wenn die Fahrleistung im Vordergrund steht. Wenn die Touren etwas technischer und adrenaliniger werden sollen, bevorzuge ich dann meistens doch die robusteren Schlabbershorts. Der Grund ist ein psychologischer und im Prinzip Blödsinn: Ich fühl mich auf knackigen Trails in (schwereren) MTB-Shorts irgendwie sicherer als in Lycrahöschen. Dabei ist das völlig egal. Kurze Hose bleibt kurze Hose. Beim Sturz ist so oder so der Lack ab. Trotzdem… irgendwie beruhigt das festere Material. :-/

10 rotscher März 16, 2010 um 07:55

Zuerst mal: Schöner und amüsanter Bericht!
Ich fahre meist mit engen Radhosen (kurz oder lang) und darüber eine ganz leichte und winddichte, “luftige” Hose. Seitlich mit grossen Reissverschluss zum einfachen an und abziehen. Bin sehr zufrieden damit. Das mit den kurzen Regenhosen finde ich auch eine super Idee. Werde ich mir auch mal besorgen.

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