Richtig Stürzen I: Allgemeine Tipps

by MTBTier on 24.06.2009 · 5 comments

in Fahrtechnik

Mehr Sicherheit auf dem Bike mit einem Fahrtechnik Kurs
Lange war es angekündigt, nun beginnt endlich die Fahrtechnik-Serie Richtig Stürzen. Da die ganze Sache sehr umfangreich wird, ist mit insgesamt vier oder fünf Artikeln zu diesem Thema zu rechnen. Regelmäßiges Vorbeischauen lohnt sich also. (Lohnt sich sowieso immer ;-) )
Bevor ich Euch das fahrtechnische Gefrickel und Sturzabfangmanöver mit Hilfe von sensiblem Bremseinsatz erkläre, sollten erstmal die ganz allgemeinen Dinge erwähnt werden, die jeder noch so unerfahrene Radfahrer erfüllen kann.


1. Sicherheitsausrüstung
Der Helm: Diskussionen hierzu wurden schon an vielen Stellen geführt und immer kam die Mehrheit zu einem einzigen Ergebnis: IMMER mit Helm fahren!
Sei es auf einer Tagestour durch schweres Gelände oder nur auf der 5-minütigen Fahrt zum Bäcker. Ein Sturz kann überall passieren. Dabei sind die Sturzfolgen im Straßenverkehr oft noch schlimmer als in der Wildnis.
Fakt ist: Ein Helm verringert der Schwere der Verletzungen am Kopf erheblich. Meistens bleibt der Kopf unversehrt. Und selbst wenn man mit ihm Bodenkontakt hat, reduziert ein Helm die Verletzungen auf den – weniger lebensbedrohlichen – unteren Gesichtsbereich. Das gibt vielleicht ein paar hässliche Hautabschürfungen vom Kinn bis zu den Wangen, aber die verheilen relativ schnell und unkompliziert. Ein gebrochenes Joch-, Nasenbein oder ein Schädelbasisbruch bei Radfahrten ohne Helm möchte sicherlich keiner haben.
Die typischen Gegenargumente (Helm drückt, man schwitzt drunter, Anziehen dauert zu lang, Helme sind hässlich, stören bei Besorgungen in der Stadt, sind zu teuer) gelten schon lang nicht mehr! Ich brauche zum Helm aufsetzen ca. 20 Sekunden. Da ist das Zurechtrücken meiner relativ langen Haare schon inbegriffen. Es gibt auf dem Markt für jede Kopfform und jeden Geschmack sehr gut belüftete sichere Helme, von denen die meisten zwischen 40,- und 100,- EUR zu bekommen sind. Zum Vergleich: Eine Jochbein-OP würde ca. 7.500 EUR kosten, wenn das die Krankenversicherung nicht abdecken würde. Hinzu kämen bei längerem beruflichen Ausfall Gehaltseinbußen, für die man sich locker mal einen Helm hätte leisten können. Von den Bestattungskosten im Falle eines Exitus ganz zu schweigen.
Weiterhin kann man einen Helm prima als Einkaufskorb für kleine Besorgungen verwenden.

Die Handschuhe: Sicher sind sie kein Must-Have, aber aus eigener Erfahrung kann ich Fahrradhandschuhe nur empfehlen. Wenn es einen wirklich mal auf den Boden packt, kann man sich mit geschützten Handflächen wesentlich beherzter abfangen, ohne schmerzhafte Abschürfungen auf der Handfläche abzubekommen. Gegen mögliche Brüche im Unterarm helfen sie natürlich nicht (hatte vor Kurzem erst so einen Fall in der Familie). Stattdessen schonen sie mit ihrer Polsterung aber zusätzlich Hand und Handgelenk auf langen Touren.
Gute Halbfingerhandschuhe bekommt man im Fachhandel schon für 15,- EUR. Geschlossene Langfingerhandschuhe schlagen mit 20,- bis 30,- EUR zu Buche. Ich selbst bin überzeugter Ganzjahrerslangfingerträger, da die Finger während der Fahrt so vor aufschlagenden Zweigen geschützt sind.

2. Geschwindigkeit und Selbsteinschätzung
Es ist eigentlich banal, aber man kann es nicht oft genug sagen: Passt das Tempo Euren Bremsen und Fähigkeiten an! Wenn Ihr merkt, dass Eure Lenkmanöver unpräzise werden oder Ihr so sehr durchgeschüttelt werdet, dass Ihr den Weg vor Euch nicht mehr scharf seht, dann muss dosiert das Tempo reduziert werden.

Offroad: Wenn wenig erfahrene Mountainbiker einen technischen Singletrail als Schussfahrt hinunter brettern, endet das meistens nicht gut. Ein Mountainbike ist zwar fürs Gelände gebaut, aber es macht auch nicht alles mit. Besonders bei hohen Geschwindigkeiten ist eine gut gewählte Ideallinie Pflicht. Dabei gilt: Jeder ungewollte Traktionsverlust ist Kontrollverlust! Je schneller Ihr über Unebenheiten fahrt, desto mehr neigt das Bike zum springen. Die Zeit in der Luft ist Zeit, in der Ihr nicht bremsen und lenken könnt. Wenn Ihr schon schnell fahren wollt, dann umfahrt die Hindernisse auf einer weicheren Linie. Das kickt übrigens auch das Adrenalin hoch.
Besonders auf unbekannten Wegen sollte man bei der Erstbefahrung nicht gleich Vollgas geben, sondern sich erstmal die oben erwähnte Ideallinie suchen.

Im Straßenverkehr: Hier gilt eigentlich das Gleiche wie für andere Verkehrsteilnehmer: Rechnet mit der Dummheit des Anderen. Mit dieser Faustregel ist man auf nahezu Alles vorbereitet und kommt somit gar nicht erst in eine Sturzsituation.
Gerade sportlich ambitionierte Radfahrer werden im Straßenverkehr unterschätzt. Wie oft wurde mir schon die Vorfahrt genommen, wenn ich mit knapp 50 km/h auf der Straße gefahren bin. Seid auf sowas vorbereitet. Haltet im Vorfeld Blickkontakt zum potenziellen Vorfahrtnehmer und legt es nicht auf Feindkontakt an.
Fahrradfahrer verlieren solche Aktionen immer. Sei es juristisch bei Kollisionen mit Fußgängern oder gesundheitlich bei Autokontakt.

Das war Teil 1. In Kürze folgt Wo ist mein Lenker hin? – Richtig über das Vorderrad fliegen.

RSS Feed
Multicycle bikes & tours - Mountainbike Touren & Kurse

{ 3 comments… read them below or add one }

1 Gerd Juni 26, 2009 um 07:46

Ich musste mich ja sowieso schon überwinden den Beitrag zu Lesen, aber..
“Es ist eigentlich banal, aber man kann es nicht oft genug sagen: Passt das Tempo Euren Bremsen und Fähigkeiten an! Wenn Ihr merkt, dass Eure Lenkmanöver unpräzise werden oder Ihr so sehr durchgeschüttelt werdet, dass Ihr den Weg vor Euch nicht mehr scharf seht, dann muss dosiert das Tempo reduziert werden.”
… hat mich dann völlig fertig gemacht. ;-)
Wobei meine Bremsen ja absolut genial waren. Noch nie stand ich mit meinem Bike so schnell von 30 auf 0. Leider nur mein Bike. :cool:

2 MTBTier Juni 26, 2009 um 13:20

Nimm diesen Artikel doch nicht gleich so persönlich. :-P
Es handelt sich hier um Hinweise, bei deren Beachtung das Sturzrisiko drastisch gesenkt werden kann. Es kann trotz Beachtung auch mal blöd zugehen. Diese Passage bezog sich doch sowieso auf Offroad. Dachte Dein Unfall war Onroad… obwohl Geschwindigkeit den Bremsen anpassen, ja auch bedeutet, dass man mit sehr bissiger Verzögerung zu rechnen haben kann *klugscheiß*… ;-)

3 Ascarloth Dezember 28, 2009 um 22:27

Rechnet mit der Dummheit des Anderen.

Das ist leichter gesagt als getan. Manchmal kommen Autos aus Richtungen, wo man wirklich nicht damit rechnet und meistens ist da dann die Dummheit besonders groß… Hat mich zwei gebrochene Handknochen, mehrere Schnitte am Knie und einen aufgeschürften Oberarm gekostet.

Leave a Comment

{ 2 trackbacks }

Previous post:

Next post: