Richtig Stürzen III: Ausbrechende Reifen

by MTBTier on 19.09.2009 · 2 comments

in Fahrtechnik

Mehr Sicherheit auf dem Bike mit einem Fahrtechnik Kurs
In Teil 3 der Fahrtechnik-Serie Richtig Stürzen geht es um eine Art von Sturzsituationen, die mit einiger Praxis in Abfang- und Vermeidungstechniken sogar Spaß machen können. Die Rede ist von ausbrechenden bzw. wegrutschenden Laufrädern. In welchen Situationen muss man damit rechnen? Und wieso soll sowas lustig sein?

Wann brechen die Räder aus?
Wegrutschende Reifen lassen sich meistens auf einen Traktionsverlust bei auftretenden Querkräften zurückführen. D.h. eine Kraft die seitlich auf das Rad wirkt, ist groß genug, um die Haftreibung zwischen Reifen und Untergrund in dieser Richtung zu überwinden. Es gibt sehr unterschiedliche Situationen, die dazu führen.
Loser Untergrund – starke Richtungswechsel (z.B. Kurven) auf Sand, Schotter, Kies und ggf. trockenem Waldboden können die Räder wegrutschen lassen. Je nach Untergrund passiert dies schon bei niedrigen (Sand) oder erst bei hohen Geschwindigkeiten (Waldboden).
Nässe – in Schlamm, auf feuchtem Asphalt und natürlich auf Glatteis reagieren die Reifen sehr sensibel auf kleine Seitwärtsbewegungen. Hier kann sich das Fahrrad sehr überraschend zur Seite verabschieden.
Starke Bremsmanöver – ein blockierendes Hinterrad reagiert auf den oben erwähnten Untergründen besonders gern mit Wegrutschen. Meistens sind die Folgen davon aber berechen- und kontrollierbar. Anders sieht es aus, wenn das verzögerte Vorderrad wegrutscht (z.B. in Kurven auf feuchtem Boden). Vor dieser Situation graut mir auch immer wieder.
Verspringen des Laufrads – Passiert meistens mit dem Hinterrad, das seitlich auf ein Hindernis (Wurzel, Stein) schlägt, welches man mit dem Vorderrad umfahren werden konnte. Das Hinterrad wird daraufhin ausgehoben und kann ggf. seitlich ausschwenken. Meistens gibt das jedoch nur einen kleinen Ruck und der Sturz bleibt aus.
Plötzlicher Untergrundwechsel – abrupte Übergänge auf einen anderen Bodenbelag können bei hohen Geschwindigkeiten zu plötzlichem Traktionsverlust führen.

Was sollte ich tun, wenn die Räder schon rutschen?
Ein rutschendes Rad bedeutet noch nicht, dass man unweigerlich stürzen muss. Das hängt hauptsächlich von der Seitlage des Fahrrads ab. Je stärker es sich schon zum Boden geneigt hat, desto geringer ist die Chance, das Fahrrad noch abzufangen. Hier sollte man sich rechtzeitig dazu entschließen, das Bike ohne einen selbst weitersegeln zu lassen. Das hat zwei wesentliche Vorteile. Zum Einen habt Ihr nun alle vier Gliedmaßen frei, um Euch vor schlimmen Verletzungen zu schützen. Zum Anderen sind die Schäden am Mountainbike nicht ganz so gravierend, da beim Einschlag auf den Untergrund nur noch die Masse des Bikes auf die betroffenen Komponenten drückt (hauptsächlich Lenker, Pedale, Schaltwerk, Sattel). Denn wo es so nur ein paar oberflächliche Kratzer davon trägt, kann die Zusatzlast durch das eigene Körpergewicht zu verbogenen Schaltwerken, Pedalen oder gerissenen Lenkern führen.
Ihr habt Euch also vom Bike getrennt. Dieses wird nun – je nach Geschwindigkeit und Untergrund – einige Zentimeter bis hin zu ein paar Metern weit rutschen. Manchmal überschlägt es sich auch. Wichtiger ist es jetzt aber, was Ihr tut:

  1. Vorm Aufprall auf den Boden solltet Ihr bereits die Arme nah an den Oberkörper gebracht haben. Verkrampfte, abstehende Arme können beim Aufprall von Bänderzerrungen bis zu Brüchen führen. Achtet darauf, dass Gelenke (z.B. Ellbogen, Schultern) den Untergrund nicht zuerst berühren.
  2. Spannt die Nackenmuskulatur an und haltet den Kopf oberhalb der Schulter, die zuerst den Boden berührt. So bremst/verhindert Ihr das Durchschlagen des Kopfs auf den harten Untergrund. Denn trotz Helm kann das zu schweren Verletzungen führen. Leider kann man sich so beim Aufschlag trotzdem den Nacken etwas zerren. Dieser Schmerz vergeht aber erfahrungsgemäß schneller, als ein spitzer Felsen, der durch den Helm gedrungen ist.
  3. Winkelt das zuerst einschlagende Bein an, so dass der Oberschenkel das allererste Körperteil ist, das den Boden berührt. Innere Verletzungen wie Knochenbrüche sind hier am unwahrscheinlichsten, da der Knochen von einer sehr großen (und angespannten) Muskelgruppe umgeben ist. Achtet auch hier darauf, dass das Kniegelenk nicht zuerst auftrifft.
  4. Wie immer nach dem Aufschlag hilft eine Rollbewegung (hier seitwärts), die kinetische Energie aus dem Sturz so abzubauen, dass keine punktuellen Belastungen am Körper auftreten.

Ihr seht schon, ganz ohne Schmerzen wird ein Sturz dieser Art nicht ablaufen. Ein paar Abschürfungen muss man durchaus in Kauf nehmen. Wenn Ihr nach der oben erklärten Technik landet, sollten sich diese aber auf Oberarm und -schenkel beschränken.
Allerdings kann bei wegrutschenden Rädern der Sturz oft ohne großartige Reflexe und Techniken vermieden werden.

Driften ohne Schmerzen
Eigentlich ist es so einfach, dass es jede/r RadfahrerIn in der entsprechenden Situation schon unbewusst gemacht hat: Sie/Er stellt den inneren Fuß auf den Boden. Fertig.
Unter “innen” versteht man hier das Bein, das beim Sturz zuerst auf dem Boden landen würde. Rutscht Euer Bike z.B. nach rechts, ist es das linke Bein.
Sobald Ihr also ein Wegrutschen bemerkt, könnt Ihr den “Innenfuß” schonmal vom Pedal nehmen. Haltet ihn auf Höhe des Vorderrads in der Luft und bleibt auf dem Sattel sitzen. Wenn nun ein Reifen rutscht, macht Ihr mit diesem Fuß einfachen einen “Schritt”. Also Innenfuß vorn auf den Boden aufsetzen, vom Untergrund leicht abstoßen und das Bein nach hinten wieder hoch bewegen.
Für Einsteiger und Vorsichtige reicht es auch aus, sich auf den Innenfuß zu stellen, das Rad loszulassen oder anzuhalten und erstmal wieder für einen sicheren Stand zu sorgen.
Mit etwas Routine braucht man den Fuß bald nur noch in Extremsituationen. Dann reicht auch ein Eindrehen des Oberkörpers, eine kurze Verlagerung des Schwerpunkts über das rutschende Laufrad oder ein kurzes Bremsmanöver mit dem nicht rutschenden Laufrad. Und damit werdet Ihr ganz schnell süchtig nach solchen Situationen im Grenzbereich, weil es einfach den Adrenalinpegel nach oben kickt.
Haltet Euch trotzdem an die wichtigste Regel in der Sturzvermeidung: Fahrt Euren Fähigkeiten und der Situation entsprechend vorsichtig.

Das war es vorerst zum Thema Richtig Stürzen. Ihr habt nun ein paar Tipps gelesen, die sich mit den zwei häufigsten Sturzszenarien im Radsport befassen. Diese haben natürlich NICHT den Anspruch auf absolute Korrektheit. Sie sind auch nicht die Wunderwaffe gegen jede Form von Unfällen. Es handelt sich einfach nur um Erfahrungen und Techniken, die mich oft in Sturzsituationen vor Schlimmerem bewahrt haben.
Trotzdem funktionieren diese Tipps bei mir auch nicht immer. Die 3 “Erdungen”, die ich allein dieses Jahr erlebt habe, sprechen sichtlich dagegen. ;-)
Ihr solltet mit diesen Tipps einfach ein wenig die Angst vor Stürzen genommen bekommen. So werdet Ihr bald merken, dass Ihr im Falle eines Sturzes nicht nur den Anfang des Sturzes und die Schmerzen danach bewusst mitbekommt, sondern auch während des Sturzes voll da seid. Und das ist der wichtigste Schritt zum verletzungsarmen Stürzen: Immer voll wahrnehmungs- und reaktionsfähig bleiben.

Wenn Ihr noch Fragen oder Hinweise zu Sturztechniken habt, schreibt sie doch einfach hier in die Kommentare. Vielleicht kommt ja noch ein Artikel zu dieser Serie dabei raus.
Und natürlich weiterhin gute Fahrt! :-)

RSS Feed
Outdoor und Klettern mit Bergfreunde.de

Leave a Comment

{ 2 trackbacks }

Previous post:

Next post: