Achtung! Das folgende Video enthält Szenen, die von leidenschaftlichen Mountainbikern nur unter großen Schmerzen betrachtet werden können:
Nachdem Ihr Euch hoffentlich wieder vom eben Gesehen erholt habt, möchtet Ihr bestimmt wissen, was mich zu solchen Gräueltaten an meinem MTB veranlasst.
Wie Ihr vielleicht wisst, throne thronte ich auf einer Easton Carbonsattelstütze (Easton EC 70) über meinem GT Hardtail. Carbonsattelstützen dürfen bekanntlich nicht mit Schmiermitteln (z.B. Öl, Fett, Silikon uvm.) montiert werden, da diese den Verbundwerkstoff angreifen. Genau das ist meiner Sattelstütze nach dem langen harten Winter 2010 zum Verhängnis geworden.
Easton, wir haben ein Problem
Ob es nun an einem Sturz oder am salzhaltigen Matsch lag, der sich in die Fuge zwischen Rahmen und Carbonsattelstütze gesetzt hatte, weiß ich nicht. Jedenfalls rührte sich die Sattelstütze seit dem Frühjahr ’10 keinen Millimeter mehr. Weder die Höhenverstellung noch ein Verdrehen waren möglich. Selbst bei entferntem Schnellspanner (inkl. Schelle) blieb sie im harten Offroad-Einsatz sattelfest.
Prinzipiell könnte man damit leben, weil der Sattel für mich genau die richtige Höhe hatte und man eine Carbonstütze aufgrund der fehlenden Schmierung sowieso so selten wie möglich in der Höhe verändern sollte. Trotzdem, irgendwann muss sie mal bewegt werden. Sei es beim Wechsel auf einen anderen Sattel oder beim gründlichen Putzen des Bikes. Außerdem gehört zu einem intakten Mountainbike eben auch eine bewegliche Sattelstütze.
In meinem speziellen Fall kam noch die Angst dazu, dass der Fehler nicht bei der Sattelstütze sondern beim sehr schönen und uralten GT-Rahmen lag. Dessen Verlust hätte mir wirklich ernsthaften Kummer bereitet.
Also suchte ich nach einigen (möglichst) zerstörungsfreien Möglichkeiten, das Carbonrohr aus dem Rahmen zu bekommen.
Thermodynamik – Spiel mit dem Feuer
Der erste Gedanke meines Fahrradhändlers (und auch meine erste Idee) war das Erhitzen des Rahmens. Da Aluminium einen höheren Wärmeausdehnungskoeffizienten besitzt als Carbon, hätte sich das Sattelrohr stärker ausdehnen müssen als die Sattelstütze. Klingt einfach, klingt gut.
Aber: Mit offener Flamme darf man meinem Rahmen nicht zu Nahe kommen, weil er mit einer Kunstoffbeschichtung überzogen ist. Außerdem kann sich das Gefüge von Aluminium bereits bei Temperaturen zwischen 250 und 300 °C verändern. Was nützt einem eine haltbare High-Tech-Alu-Legierung, wenn sie nach dem Kontakt zu einem Bunzenbrenner weich wie Alufolie ist? Weiterhin besteht die Gefahr, dass sich der MTB-Rahmen durch die lokale Erwärmung verzieht. Auch in diesem Fall wäre er danach nur noch Altmetall.
Bliebe die Option, den Rahmen mit einem handelsüblichen Fön auf ca. 50 °C zu erhitzen. Das habe ich ausprobiert. Ohne Effekt. In solchen Temperaturbereichen rührt sich noch gar nichts. Die erhitzte Stelle des Alu-Rahmens kühlt sich wegen des ebenso hohen Wärmeleitkoeffizienten einfach zu schnell ab.
Vergiss die Sattelstütze
Mittlerweile war ich mir sicher, dass die Sattelstütze einen leichten Knick durch einen Sturz im Winter davon getragen hatte. Der Rahmen war zum Glück unversehrt geblieben.
Aus finanzieller Sicht kann man den Verlust einer Carbon Sattelstütze etwas leichter verschmerzen als den eines Rahmens. Und obwohl sich heraus stellte, dass es für spätere Arbeitsgänge nicht notwendig war, reagierte ich mich an der Easton EC70 erstmal richtig mit der Säge ab. Ihr wisst schon… der Horrorfilm vom Anfang.
Der ursprüngliche Gedanke dahinter war zum Einen das Entfernen der Sattelaufnahme, welche die darauf folgende Operation stören könnte. Zum Anderen hatte ich eine finale Exit-Strategie im Hinterkopf: Falls alle eleganten Befreiungsversuche der Easton Sattelstütze gescheitert wären, hätte ich sie knapp oberhalb des Sattelrohrs abgesägt und sie dann mit der Bohrmaschine in Form von Carbonspänen heraus gehobelt. So weit kam es letztendlich nicht.
Inbus, Zange, Hammer
Die Bohrmaschine musste dennoch in Anspruch genommen werden. Ca. 80 – 90 mm unter der Schnittkante der ersten Sägenanwendung bohrte ich ein Loch radial durch die Sattelstütze (d = 9 mm). Durch dieses Loch wurde ein abgewinkelter 6er-Inbus-Schlüssel gesteckt. Dieser diente einer Rohrzange als Widerlager. Ein freundlicher Bekannter stand mir als Zangenhalter (und Ideen-Co-Entwickler) zur Seite. Denn mit nur zwei Händen wäre man bei den folgenden Arbeitsgängen hilflos:
Hand 1 und 2 drücken die Zange an der Sattelstütze direkt unter dem durchgesteckten Inbusschlüssel mit maximaler Kraft zu. Hand 3 schlägt mit dem Hammer von unten gegen die Zange, welche nun vom Inbusschlüssel am Verrutschen gehindert wird. So treibt man die Sattelstütze millimeterweise aus dem Sattelrohr des Rahmens. Hand 4 befindet sich am Oberrohr des Rahmens und drückt das Bike auf den Boden. Die Beine 1 bis 4 sind für die Fixierung des MTBs ebenso hilfreich.
Sollte sich die Sattelstütze anfangs nicht bewegen, hilft handelsübliches Öl-Spray (z.B. WD-40). Das wird regelmäßig in den Spalt zwischen Sattelrohr- und Stütze gesprüht. Mit jedem weiteren Schlag kriecht das Schmiermittel weiter die Sattelstütze entlang. Es ist dann nur noch eine Frage der Zeit, bis die Stütze sich zum ersten Mal nach oben bewegt. Wenn das geschafft ist, sind die restlichen Schläge gegen die Zange nur noch Fleißarbeit.
Easton ist tot, lang lebe… Thomson?
Nach dieser Aktion wundert sich sicherlich niemand, dass ich mich bei der neuen Sattelstütze wieder auf Aluminium zurück besonnen habe. Und weil ich gerade eine 100-EUR-Sattelstütze mit Säge und Bohrer zerlegt hatte, kam’s bei der Neuanschaffung auch nicht mehr auf Sparsamkeit an.
Mein MTB-Thron stützt sich von nun an auf eine Thomson Elite. Das Masterpiece war mir dann doch etwas zu teuer. Thomson sind (meiner Meinung nach) sowieso die Konstrukteure von Sattelstützen. Ob Tune, Syntace oder Easton… kein Markenname auf Aluminiumsattelstützen löst bei mir mehr Sabbern aus als Thomson.
Der GT Rahmen hat nach diesem schmerzhaften Eingriff ein kleines Trostpflaster bekommen: Eine rot eloxierte Sattelklemme mit Schnellspanner von Hope.
Jetzt wo das Bike so vor mir steht, frage ich mich, warum ich die Easton Carbon Sattelstütze nicht schon eher abgesägt habe.

Bei Toms Bike Corner gibt es übrigens eine Anleitung, wie man die Sattelstütze weniger brutal entfernt.
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Wow, das tat richtig weh! Schöne Anleitung für den worst case und eine Erinnerung daran, dass ich meine Sattelstütze wohl zeitweise etwas bewegen sollte!
Du Rüpel
Aber ist ja nur ‘ne Sattelstütze!
Interessanter Bericht. Mit Carbon hatte ich noch nie zu tun, jetzt weiß ich auch dass man da auch mit der Bohrmaschine ran kann. Reißt das Material bei der “Vergewaltigung” mit Hammer und Inbus nicht ein?
@Jack: Die Bearbeitung von Carbon mit rustikalen Werkzeugen kann man ein bisschen mit der Holzbearbeitung vergleichen. Ein Einreißen hatte ich auch befürchtet, deshalb hatte ich soviel Material über der Bohrung stehen lassen. Im Endeffekt war das nicht nötig. Lag sicher auch daran, dass die Sattelstütze mit ca. 2 mm eine recht fette Wandstärke hat.
Aua, das tut in der Tat weh, allerdings ist es schon beeindruckend wie schnell sich Carbon sägen lässt und wie schnell 100 Flocken im Eimer landen.
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