Fahrbericht: Scott Genius 40

by MTBTier on 08.10.2009 · 7 comments

in Mountainbike,Test

engadin_scott-genius-401 Für das Mountainbike Wochenende in Celerina im Engadin (CH) stand mir ein Scott Genius 40 für die Trail-Fahrten zur Verfügung. Mit seinen 150 mm Federweg vorn und hinten lässt es sich eindeutig in die Kategorie All Mountain Fully einordnen. Da ich bis dato noch nie ein vollgefedertes Mountainbike auf einer Tour gefahren bin, war das für mich natürlich ein Highlight. Zumal die Anschaffung eines Fullys in unbestimmter Zeit stattfinden wird/muss.
Trotz meiner fehlenden Full Suspension Erfahrung möchte ich Euch meine Fahreindrücke vom Scott Genius 40 nicht vorenthalten.

Die Ausstattung
Mit einem klassischen Leihfahrrad für Touristen hat das Scott Genius 40 nichts zu tun. Kein Gepäckträger, kein Korb am Lenker, die Kette ist nicht verrostet und die Reifen verlieren auch keine Luft. Es ist ein solide aufgebautes All Mountain Bike mit Komponenten, die durchweg in der gehobenen Mittelklasse angesiedelt sind. Der Bike-Vermieter hat also erkannt, dass große Berge und verzwickte Trails entsprechendes Material benötigen. ;-)
Würde man sich ein Scott Genius 40 kaufen wollen, müsste man mit einem Listenpreis von 2950,- EUR rechnen. In der Realität wird es sicherlich ein paar Hunderter billiger ausfallen. Laut Hersteller wiegt das Mountainbike ohne Pedale 12,8 kg. Das ist für den Preis mehr als akzeptabel. Die Rohre des Alu-Rahmens wurden im speziellen Hydroforming-Verfahren hergestellt – auch bekannt als Innenhochdruckumformen (IHU). Damit lassen sich beanspruchungsgerecht variierende Rohrquerschnitte relativ einfach und schnell herstellen. Mit tiefschürfenderen technischen Details dazu möchte ich Euch nicht belasten. Es sei nur gesagt, dass ich mich aufgrund meines fachlichen Backgrounds sehr gut mit dieser Art von Aluminiumrahmen anfreunden kann.
Die Hinterbaukonstruktion ermöglicht im Zusammenspiel mit dem Scott Equalizer 2 als Dämpfer 150 mm Federweg. Die 3-stufige Lockout-Funktion lässt sich über einen Hebel am Lenker betätigen.
Übrigens soll dieser Dämpfer angeblich bei DT Swiss produziert und entwickelt werden. Am Dämpfer kann man sehr viele Parameter (z.B. Zug- und Druckstufe, Rebound etc.) einstellen. Das habe ich dann aber lieber mal den Fahrwerkprofis im Fahrradverleih überlassen, da ich als Hardtail-Fetischist auf diesem Gebiet noch absolut unerfahren bin.

fox-32-talas-rl-air Auf 150 mm Federweg am Hinterrad gibt es für vorn natürlich nur eine gute Antwort: 150 mm auch hier. Die Fox 32 Talas RL Air Federgabel kommt dafür zum Einsatz. Für Bergaufpassagen lässt sich diese auf 130 bzw. 110 mm absenken.
Der Antrieb besteht aus SRAM-X9-Komponenten und einem Shimano-SLX-Umwerfer. Gebremst wird vorn und hinten mit der Avid Juicy 5 auf 180-mm-Scheiben.
Die Laufräder sind klassisch mit dem Schwalbe Nobby Nic in 2,25″ bereift. Als Felge setzt Scott am Genius 40 die Mavic XM-317 ein. Die Naben kommen von Scott und Shimano. Die Laufräder machen einen soliden Eindruck, werfen einen aber jetzt nicht vom Hocker. Irgendwo muss Scott ja ein bisschen sparen.

Bergauf fahren
“Dass wippt ja ganz schön”, war mein erster Gedanke… wohlbemerkt bei voll verfügbarem Federweg vorn und hinten. Mit maximal abgesenkter Federgabel (110 mm) und voll blockiertem Hinterbau war dann ganz guter Vortrieb zu spüren. Mir kam die abgesenkte Fox Talas sogar ein wenig uphill-freundlicher vor als meine alte Rock Shox SID XC mit 80 mm. Bei vollen 150 mm baut die Fox-Gabel aber eindeutig zu hoch, so dass das Vorderrad stark zum Aufsteigen tendiert.
Prinzipiell sind die Uphill-Qualitäten nicht mit einem Hardtail zu vergleichen. Auf mittlerer Lockout-Stufe bietet der Hinterbau einen guten Kompromiss aus Komfort und Antriebsneutralität. Man merkt aber, dass ein nicht zu vernachlässigender Kraftanteil in Federarbeit verpufft.
Störend empfand ich den etwas zu kurz geratenen Vorbau. Dieser machte das Mountainbike auf steilen/langsamen Anstiegen etwas unruhig. Mit einem längeren Vorbau kann man recht preiswert für eine verbesserte Spurtreue sorgen.
Sehr gut hat mir die SRAM X9 gefallen. Das Trigger-System unterscheidet sich in der Bedienung eigentlich nicht von den Shimano XTR Shiftern. Die Gänge werden vom Schaltwerk präzise und direkt umgesetzt – meiner Meinung nach sogar direkter als bei Shimanos XTR. Leider bezahlt man diese Präzision mit einem recht lauten Schaltgeräusch. Für jemanden, der – wie ich – Fahrräder mag, die man am besten gar nicht hört, kann das ein K.O.-Kriterium sein.
Rückblickend muss ich aber zugeben, dass ich erstaunt war, wie gut man mit so einem Federweg-Monster bergauf fahren kann. Alle – zum Teil sehr steilen – Anstiege ließen sich damit gut erklimmen, sofern es meine Kondition in der dünnen hochalpinen Luft erlaubte. Am Bike lag es auf jeden Fall nicht, dass ich manchmal geschoben habe.

Und jetzt den ganzen Spaß wieder bergab!
Bergab und auf stark verblockten Singletrails darf man das Scott Genius 40 nicht unterschätzen. Mit seinen 150 mm Federweg macht es so ziemlich alles mit, was Spaß macht. Spitze Steine mit Ausdehnungen von über 20 cm werden glatt gebügelt. Stufen bis zu einer Höhe von 30 bis 40 cm können locker abgerollt werden. Was mich als Fully-Neuling zwar nicht überrascht aber dennoch beeindruckt hat, ist die Gutmütigkeit dieses Fahrwerks. Denn auf den verblockten Trails rund um das Skigebiet Corviglia schafft man es als Ortsfremder (und zusätzlich als Cross Country Fahrer) nicht auf Anhieb, die perfekte “flowige” Ideallinie zu treffen. Oft hat das Hinterrad einen Stein mitgenommen, bei dem ich mir dachte: “Ok, das war’s. Jetzt darfst du flicken.” Dass am Ende des Wochenendes nur 2 Schläuche bei meinem Mountainbike das Zeitliche gesegnet haben, spricht definitiv für das Fahrrad, nicht für den Fahrer. Mit meinem GT wäre ich auf diesen Trails wohl nicht weit gekommen bzw. jetzt nicht mehr in der Lage, Trails & Bikes mit Inhalt zu füllen.

genius_spitzkehre_phil
Die Avid Juicy 5 hat auf den recht harten Abfahrten sehr gute Arbeit geleistet. Vorn musste ich mich – als Felgenbremsennutzer – erst langsam an die Bissigkeit gewöhnen. Die gute Dosierbarkeit half dabei, die Gewöhnungsphase so angenehm wie möglich zu gestalten. Am Hinterrad verlangte die Bremse regelrecht nach Drift Action… und nach kurzer Eingewöhnung tat ich das auch. :-D
Hinzu kam die Gleichmäßigkeit des Driftverhaltens bedingt durch das federnde Fahrwerk. Wo Hardtails beim Drift eher zu einem Stick-Slip-Effekt (Haft- und Gleitreibung im Wechsel) tendieren, verhielt sich das driftende Hinterrad beim Scott Genius sehr berechenbar mit einem konstanten Rutschverhalten.
Bergab fand ich dann auch Gefallen am kurzen Vorbau. Das Bike vermittelte trotz seines relativ langen Radstandes einen wendigen Eindruck. Meine Fortschritte im Spitzkehren Fahren lassen sich auch darauf zurückführen. Der lange Radstand und das sensibel ansprechende Fahrwerk sorgten auf schnellen Abfahrten trotzdem für ausreichend Laufruhe.
Bei soviel Spaß bergab kommt natürlich irgendwann das Bedürfnis nach Sprüngen auf. Nun bin ich normalerweise ein Freund von Ground Control. Frei nach dem Motto: “Zeit in der Luft ist Zeit, in der man nicht beschleunigen kann.” Vielleicht war das auch ein Grund für die fehlende Air Time. Aber obwohl ich manchmal wirklich abheben wollte, funktionierte es nicht besonders gut. Zum Einen muss man erstmal das Mountainbike aus seinem ganzen Negativfederweg heraus heben und zum Anderen kommen noch über 2 kg mehr dazu, die ich im Vergleich zu meinem Hardtail hoch bringen muss. ;-) Robin und Fabian von X-ACES.com werden sich beim Lesen dieser Zeilen sicherlich blendend amüsieren. :lol:
Einen Kritikpunkt am Rahmen muss ich noch loswerden: Hydroform-Rohre sind stabil und steif, aber sie sind auch unglaublich fett. Besonders das zum Steuerrohr verstärkte Oberrohr mit seinem eckigen Querschnitt sorgte für viele blaue Flecken an den Knie-Innenseiten bei verwinkelten Abfahrten.

Das Fazit
Knapp 3.000 EUR für ein All Mountain Fully mit einer durchweg gehobenen Ausstattung sind einfach Klasse! Wer sich an einem Mountainbike “von der Stange” mit einer relativ langweiligen Schwarz-Weiß-Lackierung nicht stört, darf beherzt zugreifen.
Denn: Das Scott Genius 40 macht sowohl bergab als auch bergauf richtig Spaß. Sogar auf geraden Asphaltstrecken kann man damit richtig Tempo machen. Ein wenig Beschleunigungsvermögen büßt man natürlich gegenüber einem Hardtail ein. Der unverhältnismäßig hohe Zugewinn an Fahrkomfort, Traktion und Kontrolle ist allerdings ein sehr guter Tausch.

Funktion (35%)
Verarbeitung (25%)
Bedienung (25%)
Preis (15%)

Fahrbericht: Scott Genius 40, 5.0 out of 5 based on 1 rating
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{ 6 comments… read them below or add one }

1 Jens Oktober 8, 2009 um 22:43

Schöner Bericht, auch ich werde über kurz oder lang auf ein Fully umsteigen, mich interessiert das Trek 9.9 oder das Enduro , mal sehen was es wird – kommt Zeit – kommt Geld – kommt Fully!

Grüße aus Münster,
Jens

2 Ralph Oktober 10, 2009 um 10:33

Ja, so ein Fully ist schon klasse :-) Selbst im MTB-Rennsport setzt es sich immer mehr durch!!

3 Gerd Oktober 10, 2009 um 21:37

Das macht richtig Spaß auf ein Fully. Wenn ich nicht so verliebt in´s Laufen wäre, könnte ich schwach werden. ;-)
Toller Bericht!

4 Spoony Oktober 13, 2009 um 20:35

Guter Bericht. Deshalb habe ich ein (altes) Genius! Einzig der neue Dämpfer scheint einstellungstechnisch nicht wirklich tauglich zu sein. Bin gespannt ob man hier in den nächsten Jahren nochmals etwas optimiere kann.

5 MTBTier Oktober 13, 2009 um 20:45

Ja dieser ziemlich irre Dämpfer machte auf mich auch einen eher benutzerunfreundlichen Eindruck. Aber wie schon gesagt: Ich habe zur Zeit auch noch keine richtige Ahnung, was Fahrwerkseinstellungen am Hinterbau angeht.

6 Jan August 16, 2010 um 15:02

Ich liebe dieses Bike! In 2 Wochen bin ich auch stolzer Besitzer eines SCOTT Genius 50! Ich freu mich schon so drauf :)

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