Im Rahmen der Pressereise ins Karwendel bot sich mir mal wieder die Gelegenheit zum Mountainbike Test. Jede Alternative zum GT-Hardtail empfinde ich als willkommene Abwechslung. So darf dann bei den Testobjekten nicht mit Federweg gegeizt werden.
Der Bikeverleih Nagele in Biberwier-Lermoos konnte meinen Anforderungen gerecht werden und vervielfachte meinen sonst gewohnten Federweg vorn um das Zweifache und hinten sogar um den Faktor Unendlich. Sprich: Das Specialized Enduro Comp der 2010er Modellreihe kommt vorn und hinten mit 160 mm Federweg daher.
Für die angekündigten 2.400 Hm verteilt auf zwei Touren ist ein reinrassiges Enduro-Bike natürlich nicht die optimale Waffenwahl. “Irgendwie wirst Du den Prügel schon die Berge rauf bekommen”, redete ich mir optimistisch ein.
Ein kurzer Blick aufs Datenblatt
- Rahmen: Enduro M5 alloy fully mit Fox RP2 (spez. für Specialized designed)
- Gabel: Rock Shox Lyrik Solo Air, 20 mm Steckackse und tapered Gabelschaft (1,5″ – 1.8″)
- Bremsen: Avid Elixir R SL (custom), Discs 200/185 mm (v./h.)
- Schaltwerk: SRAM X9, 9-fach
- Umwerfer: Shimano SLX M665-E, top-swing, dual-pull
- Schalthebel: SRAM X7 Trigger
- Kettenblätter: 22 Zähne, 36 Zähne & Kettenführung
- Felgen: spez. für Specialized designte DT-Swiss-Felgen
- Naben v./h.: custom Specialized/Custom Shimano M525 SL
- sonstige Anbauteile: Specialized
So aufgebaut würde das Enduro-Fully mit 2.799 EUR UVP zu Buche schlagen. Ein fairer Preis, wie ich finde. Hatte ich doch eher mit einer 3 an erster Stelle gerechnet.
Das Specialized Enduro Comp wurde mir in der Rahmengröße M vorgesetzt. Ich war erstaunt, wie gut es mir passte. Eigentlich hatte ich bei meinen 1,70 m eher eine S vermutet. In Größe M bringt dieses Fully stolze 13,8 kg auf die Waage.
Das erste Probesitzen
Wow fühlt sich das gut an! Der Hinterbau sackt im Stand nur leicht ein, die Sitzposition ist angenehm aufrecht. Trotzdem scheint der Körperschwerpunkt gut zwischen Vorder- und Hinterrad austariert zu sein. Der kurze Vorbau verspricht viel Spaß auf Trails, fängt aber schon bei normalen Geradeausfahrten an, die Lenkung unruhig zu machen. Die Bremshebel der Avid Elixir hatten den Druckpunkt ziemlich weit weg vom Lenker. Sowas ist natürlich Geschmackssache und kann jederzeit verändert werden. Wesentlich unangenehmer ist das undefiniert schwammige Feedback des Bremshebels.
Der Fox-RP2-Dämpfer hat einen Lockout-Hebel. Dieser liegt allerdings an der Dämpferunterseite. Man muss sich also schon etwas von seinem hohen Thron nach unten beugen, um ihn während der Fahrt zu erreichen.
Schmerzlich vermisse ich jedoch eine Absenkungsfunktion der Rock Shox Lyrik Federgabel. Werde ich mit dieser enormen Einbauhöhe überhaupt irgendeine Steigung bezwingen?
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Die ersten 60 km mit dem Enduro
Die erste Tagestour zum Karwendelhaus fand vollständig auf breiten geschotterten Wanderwegen statt.
Schon nach den ersten 5 km war mir klar, dass der hauseigene Specialized Sattel auf Dauer meine Familienplanung existenziell bedrohen würde. Mit den getragenen MTB Schlabbershorts kann ich auf meinem eigenen Sattel (Fizik Gobi XM) sonst locker 40 bis 50 km fahren – ohne Polster! Hier trug ich noch eine sehr angenehm gepolsterte Unterhose und trotzdem lief der A**** nach dieser kurzen Anfangsdistanz sprichwörtlich auf Grundeis.
Ansonsten war ich aber erstaunt wie unproblematisch das Enduro Comp die Anstiege der ersten Tour-Hälfte bewältigte. Ich vergaß dabei sogar, die Lockout-Funktion zu nutzen. Sogar eine kurze Passage mit weit über 12 % Steigung ließ sich bezwingen, hierfür erforderte es dann aber doch sämtliche Register der bekannten Uphill-Fahrtechniken.
Auch der finale Anstieg zum Karwendelhaus mit knackigen Serpentinen brachte das Bike nicht zum Aufbäumen. Hier war ich dann aber schon über den blockierten Hinterdämpfer glücklich. Die fehlende Gabelabsenkung vermisste ich überhaupt nicht mehr. Natürlich verpuffte trotzdem einiges an Kraft im weichen Fahrwerk. Ein Enduro Mountainbike ist nunmal kein Race Hardtail.
Auf den Abfahrten durchs Gaistal war das Specialized Enduro Comp gnadenlos unterfordert. Selbst die Hindernissuche an den Wegrändern lockten Bike und Fahrer nicht aus der Reserve. Das wäre dann eigentlich der Moment, dem Enduro Comp richtig die Sporen zu geben. Leider war bei ca. 45 km/h Schluss damit, weil die schnellste Übersetzung (36:11) durch das 36er-Kettenblatt vorn einfach sehr begrenzt ist. Hier hätte ich mir anstelle der serienmäßigen Kettenführung lieber noch ein 42er-Kettenblatt gewünscht.
Tour 2 – das Enduro in seinem Element
Tag 2 mit dem 2010er Specialized Enduro Comp bot dann endlich auch das, wofür dieses Bike konzipiert wurde: Singletrails von flowig bis verblockt und eine finale Serpentinen-Downhill-Fahrt über tiefen Schotter mit vereinzelten kleinen Felsstufen.
Selbst im Dauerregen ließ sich das Enduro zielstrebig über kinderkopfgroße Felsbrocken navigieren. Enge Kurven mit unregelmäßigen Erschütterungen waren kein Problem. Im Endeffekt machte mein Kopf bereits bei Hindernissen dicht, wo das Specialized Enduro noch nichtmal 50 % seines Potenzials ausgeschöpft hatte. Der Specialized Hinterbau und die Rock Shox Lyrik harmonierten dabei so überwältigend miteinander, dass man vom Fahrwerk weder störende Schwingungen noch ein fast unvermeidliches Klappern wahrnehmen konnte.
Flowigere Trails mit kleinen Wurzeln luden so richtig zum übermütigen Drücken und Beschleunigen des Mountainbikes ein. Wenn vor mir die Linie frei war, machte sich in mir ein regelrechtes Allmächtigkeitsgefühl breit. Wohlwissend, dass die 200er-Scheibe vorn bzw. die 185 mm Bremsscheibe hinten immer bereit waren, um Schlimmeres zu verhindern. Dennoch störte mich auch hier der weiterhin der schwammige Druckpunkt. Im Endeffekt sorgte er dafür, dass ich lieber das Hinterrad sofort und mit Kraft zum Blockieren brachte, als auf irgendeine dosierte Bremswirkung zu warten.
Der finale Downhill fand auf einem ca. 3 Meter breiten Trail mit sehr tiefem Schotter statt. Gelegentlich schaute schieferartiges Gestein in Form von kleinen Absätzen daraus hervor. Alle 30 bis 80 m folgte eine enge Serpentine mit verheerenden Sturztiefen bei gescheiterten Bremsmanövern. Aber egal. Auf der Geraden konnte man mit dem Enduro Comp nicht anders als permanent zu beschleunigen. In Kurven schrie das Fahrwerk förmlich nach schönen Drifts. Nach kurzer Gewöhnung an die doch teilweise rechte steile Abfahrt, gab es für mich als Ideallinie dann nur noch den direkten Weg über die herausschauenden Felsstüfchen. Deren Einschläge verpufften irgendwo zwischen Reifen und Federung. Am Biker-Körper kam davon nichts mehr an.
Auch am zweiten Tourtag gab es einen knackigen Anstieg über ca. 600 Hm auf sehr losem Schotter, der durch den Dauerregen extrem aufgeschwämmt war. Stöße von Mulden und etwas größeren Kiesel in den blockierten Hinterbau machten den Aufstieg nicht angenehmer. Ich entschied mich also nach gut der Hälfte des Bergs gegen den Lockout und ließ den 160 mm Hub hinten freien Lauf. Damit ging die ganze Sache dann doch um einiges besser.
Das letzte Wort zum Enduro
Wer sich über den fehlenden Bergaufvortrieb des Specialized Enduro Comp beschwert, sollte noch einmal in sich gehen, was für ein Bike er möchte. Ja, der Hinterbau ist weich. Ja die Federgabel hat keine Absenkung und ja, die quirlige Lenkung erfordert bergauf viel Konzentration und Korrektur. Aber dieses Federwegmonster von Specialized kann dennoch überraschend gut bergauf fahren. Um ehrlich zu sein, empfand ich es bergauf kaum träger als das bereits von mir getestete Scott Genius 40.
Auch der 2×9-Gang-Antrieb hat mich nicht gestört. Bergauf reichte dessen Übersetzungsspektrum vollkommen aus. Bergab vermisste man das große Kettenblatt nur auf glatten Pisten. Im natürlichen Lebensraum des Enduro (verblockte Singletrails) kommt man mit 36 Zähnen vorn aber schon sehr weit. Die durchweg soliden Antriebkomponenten sind in Sachen Funktion vollkommen zufriedenstellend. Selbst das relativ hohe Gewicht störte kaum auf den insgesamt über 100 Testkilometern.
Das Fahrwerk des Enduro Comp vermittelt viel Sicherheit. Ich würde dem Bike sogar locker leichten Freeride-Einsatz zutrauen. Bikepark-tauglich ist es auf jeden Fall. 2.800 EUR empfinde ich als äußerst fairen Preis für das Komplettpaket. Da bleibt ggf. auch noch ein bisschen Kleingeld für einen besseren Sattel übrig.
Wer also ein Spaßbike für den Einstieg ins Bikepark-Leben sucht und damit trotzdem auch mal auf Touren gehen möchte, kann getrost zuschlagen. Mich persönlich stört allerdings an Specialized-Bikes nach wie vor der Komplettbike-Gedanke mit den vielen markengebundenen Sonderkomponenten. Das soll Euch aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Specialized hier ein gelungenes Komplettpaket abliefert.
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Fremde Fotos wurden mir freundlich zur Verfügung gestellt von: Esther Wilhelm
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{ 7 comments… read them below or add one }
Sehr schöner Bericht.
(Offener) Federweg hinten bringt also bei grobem Untergrund tatsächlich spürbar mehr Vortrieb?
Bist Du mit dem Bike noch etwas steileres als den Aufstieg zur Karwendelhütte gefahren? Wäre interressant wie es sich bei Rampen um die 20 % verhält, ob man da doch fahren kann, oder das Vorderrad unvermeidbar steigt.
Ja, die gleichen weichen Laufräder wie an meinem Stumpjumper, die sind totaler Schrott. Ich denke, wenn man direkt nach dem Kauf Steuer- und Tretlager und die Laufräder austauscht, dann hat man schon was ordentliches unterm Hintern. Aber insgesamt hast Du mit deinem Fazit recht, mit einem individuell zusammengestelltem Bike fährt man besser und unter dem Strich womöglich noch günstiger.
@bbaschtl: Der offene Hinterbau brachte bergauf vor allem mehr Komfort auf dem grauenhaften Sattel. Das kann natürlich den Vortriebseindruck subjektiv beeinflussen.
Ein kurzer Anstieg um die 20% war dabei. Steileres sind wir nicht gefahren.
@Hans: Die weichen Felgen konnte ich nicht beobachten. Bin nunmal ein Fliegengewicht.
Den grauenhaften Sattel kann ich bestätigen! Da ich das Enduro von Flo ja nur kurz bergab unterm Allerwertesten hatte,kann ich mir keine große Bewertung erlauben. Aber diese hm die ich nach unten mit dem Teil vernichtet habe waren einfach geil
Schöner Bericht! Das Bike ist optisch auf jeden Fall mein Traumrad! Werde es mir zu dem Preis aber wohl nie kaufen. Macht aber bestimmt Spaß einmal auf so einem “Premiumbike” über die Trails zu fliegen.
Guter Bericht! Bergauf ohne Probleme und im Downhill Spass pur. Darum habe ich ein Endurobike
So macht biken doch Freude.
Optisch gefällt mir das Spezi-Enduro aber nicht.
Netter Bericht,
vom Preisleistungsverhältnis is das Enduro meiner Meinung nach mit ganz oben dabei in der Klasse. Leider findet man die schwarz glanz Rahmenfarbe auch echt selten bei anderen Herstellern, macht was her das Ding.
Gruss Flo
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