MTB-Garn II: Links ist rechts und hinten ist vorn…

by MTBTier on 27.01.2009 · 5 comments

in MTB-Garn

Beim zweiten Mountainbiker-Märchen handelt es sich um meinen allerersten Sturz beim Offroad-Biken. Das ganze spielte sich in der ersten oder zweiten Woche nach meiner Konfirmation im Jahr 1998 ab. Es war eine meiner ersten Ausfahrten mit dem Mountainbike.Ich war auf einer Schotterabfahrt für meine damaligen Verhältnisse recht schnell unterwegs (35 – 40 km/h) als mir die ganze Sache etwas zu heiß wurde und ich den gewohnten Griff zur Hinterradbremse unternam. Die Folgen der leichten Verzögerung des Hinterrads überraschten mich dann aber doch sehr:

Statt einem Blockieren und Driften, verschwand der Lenker unter mir, die Hände lösten sich von den Griffen und mein Körper schlug – Arme und Kopf voran – im groben Kies ein. Das Mountainbike lag sichtlich eingestaubt ein paar Meter oberhalb auf dem Weg.

Was war passiert?

Mein Vorgängerfahrrad war ein Winora 24″-All-Terrain-Bike. Die vordere Cantilever-Bremse wurde mit dem rechten Bremshebel bedient. Die hintere mit dem Linken. Der erfahrene Biker merkt: Da stimmt was nicht! Blöd war nur, dass die Anordnung der Hebel beim neuen Fahrrad richtig – also anders herum – war. Hinzu kam die brachiale Bremskraft der Shimano Deore LX V-Brake… Jaha, damals waren das tolle Bremsen!! … Also war die Sache klar. Ich hatte mit der Vorderradbremse verzögert.

Nachdem ich wieder aufgestanden war, wurde erstmal Bestandsaufnahme gemacht: Das Bike sah technisch gut aus. Zwei kleine Kratzer am Rahmen. Damals hat mich sowas noch gestört. Bei mir konnte ich auf den ersten Blick auch nur kleinere Kratzer an den Schienbeinen und den Unterarmen ausmachen. Also wieder aufgesessen und nach Hause gefahren (ca. 10 km).

Der Umfang der Verletzungen wurde mir erst an einer Fußgängerampel in Plauen bewusst, als ich dort anhielt. Zwei ältere Frauen – ins Gespräch vertieft – sahen mich mit offenem Mund an und schwiegen. Ich merkte, wie sich ein warmes Rinnsal entlang meines linken Unterarms bildete. Ein Blick nach unten offenbarte eine kleine rote Pfütze auf dem Fußweg. Die körperliche Bestandsaufnahme wurde zuhause vorm Spiegel fortgesetzt:

  • 2 Schürfwunden am Kopf, dank Helm jedoch nur am Kinn,
  • mehrere Schürfwunden an Armen und Beinen,
  • 1 Fleischwunde am linken Ellbogen und
  • oberflächliche Perforationen durch Schotter in der Brust.

Jeder, der selbst Kinder hat, kann sich die Panik vorstellen, in die meine Eltern verfallen sind, als sie mich so als Feierabendbegrüßung zu Gesicht bekamen. Daran konnte mein ankündigender Satz “Nicht erschrecken.” auch nichts ändern. Mir war das zu dem Zeitpunkt alles ziemlich egal, denn merkwürdigerweise fühlte ich mich gut. Erst als sich Adrenalin und Endorphin gute Nacht sagten, kamen die Schmerzen.

Am Tag darauf gab’s in der Schule Mathe-Klausuren zum Thema Kreisdurchmesser, -umfang und Pi zurück. Eine Aufgabe war die Frage nach der zurückgelegten Strecke eines  Fahrrads nach x Umdrehungen des Vorderrades. Bei der Übergabe meiner Arbeit fand der Lehrer die passenden Worte: “Theorie Eins, Praxis Fünf.”

Zwei Wochen drauf habe ich mir dann das Schlüsselbein gebrochen. Aber das ist eine Geschichte für MTB-Garn III.

RSS Feed
Multicycle bikes & tours - Mountainbike Touren & Kurse

{ 5 comments… read them below or add one }

1 Gerd Januar 27, 2009 um 06:57

So einen “Flug” über den Lenker hat wohl jeder Biker mal absolviert. Bei mir waren es bisher zwei dieser Art. Einmal war es zu steil und einmal musste ich in die Eisen wegen eines Autos. Und das auch noch im Wald.
Zum Glück alles gut ausgegangen. Das wahre Ausmaß sieht man immer erst wenn es ein paar Stunden später ist. Adrenalin überdeckz schon einiges. ;-)

2 Ralph Januar 27, 2009 um 07:34

Unfälle über Lenker!! Kann ich ein Lied von Singen!!
Ich habe immer noch ein dicken linken Ringfinger :-(
Im Monat 10 2008 im Harz ausgerenkt und Kapsel verletzt.
Mit meinem sohn sind wir in Kieferorthopädischer Behandlung:
Schneidezahn am MTB-Lenker kpl. rausgezogen!!
Aber spass macht es uns immer noch :-)

3 MTBTier Januar 27, 2009 um 09:28

@Gerd: Der Abgang über den Lenker ist definitiv ein Klassiker. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich bis jetzt in solchen Situationen immer viel Glück hatte. Die hier erwähnte Aktion war bei mir bis jetzt der einzige Lenkerabflug mit offenen Wunden. Man ist dann auch meistens überrascht, was der Körper so alles allein an Abfangreflexen zusammenbringt, während man selbst innerlich noch am Fluchen ist.

@Ralph: Uff… solche Sturzfolgen wünscht man keinem. Aber natürlich lässt man sich von sowas nicht unterkriegen. Ein Sturz beim Biken ist ja irgendwie auch ein bissl Rock ‘n’ Roll. ;)

Wie der Sturz dann ausgeht, kann man nur zum Teil beeinflussen. Einer meiner (sehr) guten Bekannten hatte im Mai 08 einen Frontalabflug, wegen einer versagenden Federgabel. So wie der Sturz aussah, hat er alle Abfang- und Abrolltechniken richtig angewendet. Er ist bloß mit einer Hand auf einer harten Kante im Untergrund gelandet. Ergebnis: offener Stauchbruch in Elle und Speiche (jeweils 2x durch). Nach mehreren OPs wegen gebrochener Titanplatten im Arm hat der Knochen dann endlich im Dezember 08 mit dem Zusammenwachsen angefangen. Sein Chirurg meint, dass er vor August 09 nicht wieder im Sattel sitzen sollte… aber ich weiß, dass er sich sofort aufs Bike setzen wird, wenn ihm der Arzt das erlaubt.

4 Spoony August 16, 2009 um 18:47

In UK und Australien sind die Bremsen übrigens standardmässig vertauscht. Oft montieren auch Motorradfahrer bei uns die Bremsen andersrum, damit die rechte Bremse das Vorderrad bedient. Wenn Du nämlich mit dem Motorrad einen Abgang über den Lenker machst, weil Du ans MTB gewöhnt bist, bleibt es oft nicht bei Schnittwunden…

5 MTBTier August 16, 2009 um 22:17

Oha. Das wusste ich z.B. noch nicht. Kann’s sein, dass das mit dem Rechts-/Linksverkehr zusammenhängt?
Bin selbst kein Motorradfahrer. Mir reicht die Geschwindigkeit, die ich auf unmotorisiert angetriebenen Zweirädern fahre, vollkommen aus. ;-)

Leave a Comment

Previous post:

Next post: