Erfahrungen mit NoTubes – Teil II

by MTBTier on 02.12.2009 · 4 comments

in Komponenten,Test

150 km hat sich das GT bisher ohne Schläuche über Stock und Stein bewegt. Wenn man die Startschwierigkeiten mit dem NoTubes-System bedenkt, ist es erstaunlich, dass ich damit überhaupt so viele Kilometer zurücklegen konnte.
Aus meinem bikenden Umfeld kamen hauptsächlich skeptische und schadenfrohe Kommentare zu diesem Experiment. War ja auch ein bissl lustig, wenn man nach einem dreiviertelstündigen Wechselspiel aus Pumpen und Laufrad Drehen die geplante MTB-Tour einfach bleiben lassen muss. Aber das waren nur die ersten Eindrücke vom NoTubes-System.

Das Besondere an der NoTubes-Milch ist, dass sie auch herkömmliche Felgen (für Schläuche) mit normalen Reifen abdichtet. Einzig die Latexmilch und ein spezielles Felgenband mit eingelassenem Ventil werden für die Umrüstung benötigt. Ganz billig ist der Umbau trotzdem nicht. 473 ml (16 oz) der NoTubes-Milch schlagen mit 25,- EUR zu Buche. Das entspricht ca. 6 bis 8 Reifenfüllungen. Pro Felgenband (von Mavic) fielen in meinem Fall nochmal 25,- EUR an. Ein komplettes Umrüstkit für 2 Laufräder findet man auf der NoTubes-Homepage schon für knapp 70 USD.
notube-kit Eine Umrüstung erfordert erstmal eine wesentlich höhere Investition als die Anschaffung 2 neuer Fahrradschläuche. Für Mountainbiker, die in die Schlauchlosfahrerei hineinschnuppern möchten, wird dieser Weg dennoch preiswerter sein als der Kauf von speziellen Tubeless-Felgen und -Reifen. Wenn man der Aussage meines (recht glaubwürdigen) Fahrraddoktors glauben darf, kann man mit dem NoTubes-System auch locker 3 Jahre plattenfrei fahren. Vergleicht man nun den jährlichen Schlauchverbrauch mit der NoTubes-Investition, könnte man bei ungefähr den gleichen Kosten landen. Das empfohlene Milch-Austauschinterval von 3 Monaten mit einbezogen.

Warum überhaupt auf NoTubes wechseln?
Es ist mittlerweile in der Mountainbike-Szene anerkannt, dass geringere Reifendrücke im Offroad-Einsatz für mehr Traktion, Kurvenkontrolle und Fahrkomfort sorgen. Bei einem klassischen Schlauch-Laufrad wird der Luftdruck durch die Empfindlichkeit des Schlauchs gegen Durchstiche bzw. Durchschläge nach unten begrenzt. So war bei meinem Kampfgewicht von 65 bis 66 kg ein Minimaldruck von 2,2 bar echt das Niedrigste der Gefühle.
Wo kein Schlauch ist, kann auch kein Snakebite oder Durchstich im Schlauch entstehen. Moderne Mountainbike-Reifen sind gleichzeitig robust genug, um auf die zweite Schutzhülle (Schlauch) verzichten zu können. Auch hier konnte mich mein Bike-Händler überzeugen, da er seine Reifen mit NoTubes-System bis zum Profiltod fahren kann.
Weiterhin soll die NoTubes-Milch die Pannensicherheit erhöhen. Kleine Löcher im Reifenmantel sollen von ihr zuverlässig abgedichtet werden. Ohne Löcher kann ich das natürlich nicht bestätigen. Sobald ich mal eins habe, werde ich mich diesbezüglich nochmal äußern.
Die Gewichtsersparnis mit normalen Schlauch-Felgen und -Reifen beläuft sich auf ungefähr +/- 0. Verwendet man die speziellen NoTubes-Felgen, fällt das relativ schwere Spezialfelgenband weg und man spart somit Masse am Laufrad ein. Auch die Nicht-Gewichtstuner können nicht leugnen, dass die rotierende Masse am Fahrrad so gering wie möglich ausfallen sollte. Soweit ich informiert bin, sind die echten NoTubes-Laufräder damit auch wesentlich leichter als UST-Systeme.

Wie fährt sich der Spaß denn nun?
Dank des NoTubes-Systems habe ich meine Reifen stufenweise auf 1,8 bar Luftdruck abgelassen. Und es funktioniert!!
Anfangs befürchtete ich gerade in Kurven eine schwammige Steuerung – besonders am Vorderrad. Nix! Das Einzige was man bemerkt ist ein leicht übersteuerndes Hinterrad, das sich aber aufgrund der verbesserten Traktionseigenschaften sehr kontrolliert driften lässt. Meine nächste Befürchtung waren Durchschläge von spitzen Steinen, die die Felge beschädigen würden. Auch hier Fehlanzeige. Der Luftdruck reicht noch aus, um ein ausreichendes Schutzpolster zwischen Stein, Reifen und Felge aufrecht zu erhalten.
Letztens musste ich sogar eine Abfahrt mit wesentlich weniger Reifendruck meistern (vermutl. < 1,3 bar). Auch das verlief ohne Probleme.
Auf Asphalt erwartete ich von dem geringeren Luftdruck (in Kombination mit den breiteren Reifen) einen mächtigen Anstieg des Rollwiderstands. Fehlanzeige! Subjektiv kommt es mir sogar so vor, als ob ich damit leichter beschleunigen und höhere Endgeschwindigkeiten erreichen kann. Man könnte das nun mit der besseren Dämpfung von Unebenheiten erklären. Oder auf die fehlende innere Reibung/Walkung des Schlauchs zurückführen. Da mir aber entsprechende objektive Messeinrichtungen fehlen, möchte ich mich darauf nicht festlegen und sage einfach nur: Der Reifen fühlt sich auch auf Asphalt irgendwie schneller an.

Pflegeleicht ist was Anderes
Man sollte einen wichtigen Punkt beachten, wenn man Standard-Laufräder mit NoTubes-System nutzt: Zieht NIEMALS ohne Luftpumpe los!
Auf jeder zweiten Tour musste ich zwischenzeitlich mal ein kleines Bisschen Luft mit der Lezyne Micro Floor Drive draufgeben. Denn gerade bei übermütigen Drifts kann es mal kurz den Reifen aus der Felge lupfen und so Luft entweichen lassen.
Ebenso ist es fast vor jeder Ausfahrt notwendig, den Luftdruck zu checken und ggf. nachzupumpen. Für mich persönlich ist das keine wesentliche Verschlechterung, denn mit Latex-Schläuchen verhielt es sich auch nicht anders. Buthylschlauchfahrer werden davon aber sicherlich angenervt sein. Und auch hier verspricht mein Fahrradhändler, dass das NoTubes-System mit den speziellen NoTubes-Felgen viel viel besser die Luft hält.
Der Wechsel bzw. das Nachfüllen der Dicht-Flüssigkeit ist für den Ungeübten eine echte Sauerei. Hat man beim Befüllen direkt in den Reifenmantel oder über das Ventil mit Hilfe des NoTubes Injectors noch keine Latexmilchpfütze auf dem Boden hinterlassen, passiert das spätestens beim ersten fehlgeschlagenen Aufpumpen.
Mit einem Hochdruckkompressor kann man nach dem Befüllen gleich Luft aufpumpen, ohne dass sich die Latexmilch zuvor im Reifen verteilen muss. Aber welcher Otto-Normalbiker hat schon einen solchen Kompressor zu Hause stehen? Alternativ kann man das befüllte Laufrad drehen, bis man glaubt, dass die Milch nun gleichmäßig verteilt wurde. Danach sollte ein Aufpumpen mit konventionellen Stand- und Handpumpen möglich sein. Aber genau das hat bei mir nicht funktioniert! An der Felge traten kleine Latex-Bäche aus und nach mehrmaligem Drehen war die Milch zwar gleichmäßig über Fußboden und Kleidung verteilt, Luft wollte aber immer noch nicht im Reifen bleiben. Seitdem mein Händler mir dann nochmal mit dem Kompressor Luft gesponsort hat und ich unmittelbar danach ein paar Mal gefahren bin, scheint die Latex-Suppe nun aber wirklich dort zu sitzen, wo sie hin soll.
Die Latexmilch wird übrigens durch Walkung und Alterung viskoser und hält demnach nach ein paar gefahrenen Kilometern auch besser an den Dichtungsstellen. Nach einer Umrüstung solltet Ihr also gleich ein bisschen damit fahren, damit Euch Startschwierigkeiten wie bei mir erspart bleiben.

Fazit
Das NoTubes-System in Standard-Laufrädern ist ein zweischneidiges Schwert: Man kann damit die Offroad-Fahreigenschaften so extrem verbessern, wie es sonst nur mit echten Tubeless-Laufrädern funktioniert. Beim Service und der Wartung erfordert es jedoch einen Aufwand, den man als Privatbiker nicht freiwillig auf sich nehmen würde.
Ich persönlich bin von den Fahreigenschaften absolut überzeugt worden und gleichzeitig genervt von der ewigen Angst vor Luft-/Milchverlust. Für mich folgt daraus die Konsequenz, dass meine jetzigen Felgen durch NoTubes-kompatible ersetzt werden, sobald sie das Zeitliche segnen. Denn niedriger Reifendruck auf Singletrails rockt total! :-D

Funktion (35%)
Verarbeitung (25%)
Bedienung (25%)
Preis (15%)

Erfahrungen mit NoTubes - Teil II, 4.0 out of 5 based on 1 rating
RSS Feed
Outdoor und Klettern mit Bergfreunde.de

{ 4 comments… read them below or add one }

1 Jack Dezember 2, 2009 um 18:07

Danke für Deinen Bericht!
Ich persönlich werde mit Schlauch weiterfahren. Hab Anfang des Jahres erst Laufräder gekauft.
Und wenn ich das System wechsle, dann auf Tubeless -> neue Felgen und neue Reifen. Aber das kostet erstmal Geld und kann noch etwas dauern.

2 Spoony Dezember 2, 2009 um 20:18

Danke für den ausführlichen Test. Nach deinem zweischneidigen Fazit bin ich gespannt wie sich meine NoTubes Felgen verhalten werden. Bei einem 29er und Hardtail ersetzt der niedrige Luftdruck im Prinzip die Federung und ist hauptverantwortlich für den Fahrkomfort. Auf der anderen Seite muss mein NoTubes System später auch mal eine Mehrtagestour aushalten können, ohne dass ich eine halbe Werkstatt dabei haben muss.

3 bbbaschtl Dezember 2, 2009 um 22:33

Ein sehr interessanter Bericht, der mich bestärkt, bei Schläuchen zu bleiben. Als Vielfahrer muss mein Bike reibungslos und möglichst wartungsfrei funktionieren. Deshalb verzichte ich lieber auf ein bischen Mehr an Fahrspass, weil der mir vergeht, wenn das Material zickt.

4 Tobi Dezember 4, 2009 um 13:58

Hallo,
ein schöner Bericht um mal in das Thema NoTubes reinzugucken.
Ich fahre seit Anfang 2009 ohne Schläuche und muss sagen das es für mich nix besseres mehr gibt!
Bei mir sind aber auch die Notubes ZTR Olympic Fegeln und einen Bontrager XDX Reifen, beides ist für NoTubes ausgelegt.
Während der genzen Zeit habe ich im Sommer 1 mal Milch nachgefüllt. Sonst war alles immer sofort dicht. Auch bei Löchern im Reifen hat die Milch alles sofort abgedichtet. Muss jetzt nur den Reifen wechseln da der HR nach ca 3700 km abgefahren ist.
Auch das nachpumpen was ich von den Latex Schläuchen kannst ist bei der Kombi komplett weggefallen.

Leave a Comment

Previous post:

Next post: