Transalp Klassiker von Garmisch zum Gardasee
Wie ausgewechselt wachte ich nach dem harten Vortag auf. Der relativ lange Schlaf und vielleicht auch der Präventivschlag mit Aspirin Complex gegen eine mögliche Erkältung ließen die Unterkühlung von Etappe 5 aus dem Körper weichen. Trotzdem nagte in mir die Gewissheit, dass uns eigentlich eine halbe Etappe vom Alpencross fehlte.
Die 6. und damit letzte Etappe sollte nochmal ganz dem Spaß gewidmet sein. Laut Programm sollten wir eigentlich von Grosotto auf den Passo della Foppa geshuttled werden. 600 weitere Höhenmeter Auffahrt/-stieg wären dann noch nötig gewesen um anschließend einen knackigen Singletrail mit 72 Spitzkehren ins Tal nach Tirano fahren zu können. Von dort hätten wir die langweilige Taldurchfahrt nach Colico am Comer See mit dem Zug abgekürzt. Die letzte Nacht würden wir dann in Verceia am nördlich vorgelagerten Lago di Mezola verbringen.
Aber das kalte Regenwetter hatte diesen Plan gestört. Da auch der angepeilte Gipfel Nässe und Neuschnee abbekommen hatte, wäre die erste Abschnitt der sehr engen und steilen Trailabfahrt zu gefährlich gewesen. Wir ließen uns also zügig im Windschatten unseres Guides direkt nach Tirano rollen und waren bereits vor 11:00 Uhr in Colico am Comer See angekommen. Trotzdem erwartete uns eine Alternativtour, die sich nochmal als absolutes Tour-Highlight entpuppte.
Nach 15 km mit Gegenwind durch die Ebene um Lago di Como und Lago di Mezola gab es erstmal eine richtig gute Pizza im Zielhotel. Auch unser Shuttle-Fahrer kam wenig später am Hotel an. So hatte ich noch schnell Gelegenheit, die Knieprotektoren aus dem Reisegepäck zu holen. Auch die leichten Race-Schuhe mussten den soliden All-Mountain-Modellen weichen, weil letztgenannte auf langen Abfahrten einfach bequemer sind. Mit von der Partie auf der Bonusrunde war unser Shuttle-Fahrer – stilecht mit einem Bionicon Supershuttle (g**les Bike!).
Wie bereits erwähnt, hatte unser Guide Großes mit uns vor. Es standen ca. 500 Hm Auffahrt und nochmal 200 Hm Schiebepassage bevor, um den Tracciolino-Trail zu erreichen. Dieser ist (noch) ein Geheimtipp unter Mountainbikern und erinnert ein wenig an die – für Fahrräder gesperrte – Uina-Schlucht. Mit dem Unterschied, dass man auf dem Tracciolino-Trail auf knapp 1.000 m ü. NN ein stillgelegtes Bahngleis findet. Dieses diente während der Bauarbeiten des Pfades dem Abtransport des Abraums. Wir fuhren also diese Bahnlinie entlang bis zu einem Abzweig. Dort hätten wir zwei Dörfchen zu Fuß erreichen können, die sonst nur über Transportseilbahnen oder Hubschrauber beliefert werden. Leider fehlte uns die Zeit für diesen Fußmarsch.

Auf dem Weg entlang dieses Pfads durchquerten wir mehrfach dunkle Tunnel (teilweise mit Lichtschalter an den Eingängen). Der grandiose Ausblick auf den Lago di Como, der 800 m tiefer lag, entschädigte eigentlich schon für die abgesagten 72 Spitzkehren. Doch dann kam auch noch die Abfahrt auf einem kniffligen Singletrail. Spitzkehren, 30 bis 40 cm hohe Felsstufen und Spitzkehren mit 30 bis 40 cm hohen Stufen erwarteten uns. Guide und Shuttle-Fahrer warfen sich mit ihren Bionicons schonmal auf den Trail, während ich nochmal im Stillen “Matrix” zitierte: “Dann befreie ich mal meinen Geist.”

Nach dem Einstieg kamen 3 Sektionen, die ich noch geschoben hatte. Aber dann lief es einfach bombig. Spitzkehren? Kein Problem! Stufen? Harmlos! Spitzkehren mit Stufen? Wird schon gehen. ![]()
Einmal musste ich dann doch nochmal die Protektoren in Anspruch nehmen, aber der Sturz verlief glimpflich und mit nur leichten Schmerzen im Knie. Am Ende der Abfahrt durften wir – die 4 harten Trailbezwinger der Gruppe – Guide und (Super-)Shuttle-Fahrer noch Hilfestellung bei einer ganz verzwickten Doppelkehre geben – ein toller Vertrauensbeweis uns gegenüber.
Am Ende waren wir alle von diesem S3-Trail absolut euphorisiert! Wer hätte gedacht, dass man mit einem Leichtbau-Hardtail und Felgenbremsen S3-Abfahrten bezwingen kann. Das GT hat sich so sinnbildlich den Ritterschlag erkämpft. ![]()
Das war definitiv ein gelungener Abschluss der Alpenüberquerung, der am Abend mit einem üppigen Mahl und viel Wein gefeiert wurde. An dieser Stelle möchte ich noch einmal unserem vollends kompetenten Guide, dem top organisierten Shuttle-Fahrer und dem restlichen Team von ULPbike für diese geniale Woche danken.
Tourdaten von Etappe 6 auf Sportics.net
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{ 11 comments… read them below or add one }
Na da hat die Tour ja doch noch ein tolles Ende gefunden. War sehr interessant, mitzulesen.
Toll, das Du am letztem Tag wieder fit warst. Das du eine halbe Etappe verpasst hast, sollte Dich nicht mehr allzu sehr “nagen”, das kommt leider vor. Aber wie bbbaschtl schon schrieb, die Tour hat ja ein tolles Ende gefunden. Glückwunsch!
BTW: Anfang des Jahres bin ich auch mit einem Hardtail (80mm Federweg) mit den guten alten gelben Maguras S3s gefahren. Klar geht, so hat es schließlich angefangen, aber am Abend habe ich meine Arme und Beine gemerkt.
Medizin macht glücklich
Toll das es noch ein guter Abschluss war! Beim nächsten mal spielt auch das Wetter mit.
Happy End!
Das mag ich dir gönnen. Und danke für die spannenden Berichte.
@all: Die letzte Singletrail-Abfahrt war definitiv eine tolle Entschädigung für den kurzen Vortag. Deshalb vermisse ich die zweite Hälfte der 5. Etappe auch nicht besonders.
@Thomas: Ja, früher sind alle Biker so den Trail runter gekommen. Gerade die “jungen Hüpfer” können das nicht glauben.
Natürlich ist man mit der modernen Technik auf solchen Passagen schneller und entspannter unterwegs. Aber der Adrenalinkick auf dem alten Hobel ist mindestens gleich hoch… trotz niedrigerer Geschwindigkeit.
Danke für den Bericht! Hat Spaß gemacht “Live” dabei zu sein.
Nachdem was ich gelesen habe war das keine Alpenüberquerung für den “Urlaubsbiker” sondern schon eine anspruchsvolle Sache.
Meine nächste Alpenüberquerung werde ich wahrscheinlich nicht mehr selber planen sondern mich einer geführten Gruppe anschließen!
Wenn man jemanden hat der sich vor Ort auskennt, kommt man in den Genuß einiger versteckter Highlights die man von zu Hause kaum finden kann.
Herzlichen Glückwunsch zu diesem tollen Abenteuer. Und das ist es tatsächlich noch, wenn man liest wie schnell sich der Zustand ( hier Unterkühlung) ändern kann. Und in den Bergen ist die Natur noch etwas unbarmherziger, als wir es gewohnt sind. Da kann einen halben Tag, zumal bei dem Abschluss, dann auch locker verschmerzen.
Klasse auch die Berichterstattung, hattest Du ein Läppi im Gepäck?
@Jack: Ich war mit der organisierten Alpenüberquerung jedenfalls sehr zufrieden. Man braucht sich eigentlich nur aufs Biken zu konzentrieren. Wenn man bedenkt, dass Hotels, Halbpension, Guide und Shuttle-Service inkl. waren, kann ich mir fast nicht mehr vorstellen, mit einer Eigenorganisation billiger zu fahren.
@Maddin: Ja, hatte ein Netbook im Reisegepäck mit. Ohne Gepäcktransport hätte ich es sicherlich zu Hause gelassen.
muss man alle etappen mitgemacht haben, um als “Alpenüberquerer! zu gelten”? oder reichen da auch schon z.B. 3 Etappen? Gibt es da ein Regelwerk für MTBler?
Laut Definition reicht die Überquerung des Alpenhauptkamms aus. Das hat unsere Gruppe in Etappe 3 nach der Überquerug des Fimbapasses geschafft. ULP bietet auch dreitägige Quickies an. Aber ich wollte eben 6 Tage Alpentrails.
Auch von mir nochmals etwas verspätet herzliche Gratulation zur Transalpes und der tollen Berichterstattung!
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